Am 15. Oktober verstarb Elisabeth Schulz in Hermannsburg. Pfr. Markus Nietzke (Kleine Kreuzkirche) hat uns die Predigt zur Verfügung gestellt, die er anlässlich ihrer Beerdigung hielt. Wir drucken sie hier mit freundlicher Genehmigung leicht gekürzt ab.Elisabeth Schulz war die Witwe des ersten Bischofs der LutheranChurch in Southern Africa (LCSA), Georg Schulz, der 2004 in Hermannsburg verstarb. 

Einleitung – Zwischen Heimat und Aufbruch 

Liebe Kinder, Schwiegerkinder und Enkel von Elisabeth; Liebe Angehörige – Ihr Lieben, wir blicken heute dankbar auf ein Leben, das sich zwischen zwei Welten abspielte: in Hermannsburg und Südafrika, Ein Leben zwischen einem Zuhause und einem Auftrag, zwischen Nähe und Entfernung. Wir hören dazu Worte Gottes, die er einst zu Josua sprach: „Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt!“ (Josua 1,5–6). Ein unglaubliches Wort: Voller Kraft und Power. Diese Zusage Gottes begleitet uns hier, jetzt und heute. Sie gilt über die Grenzen des Lebens hinaus. Sie trägt durch Zeiten der Unsicherheit, der Trennung, Zerrissenheit, Angst und Sorge – und trägt auch jetzt. 

1. Ein Mädchen in Hermannsburg 

Hermannsburg, 1930er Jahre. Ein junges Mädchen, Charlotte Katharina Maria Elisabeth Schulz, geborene Heidt, Tochter von David und Elisabeth Heidt wird am 6. April 1933 geboren und am 18. April in der Großen Kreuzkirche von P. Adolf Kiehne getauft. Ein Bruder wird zwei Jahre später geboren; sie wächst heran – fröhlich, wissbegierig, geht in die Grundschule und Christian-Schule, ist nah bei der Mutter. Sie erlebt eine Kindheit im Schatten unsicherer Zeiten und Krieg. Sie schreibt in ihren Lebenserinnerungen: „Trotz des Krieges hat meine Mutter es verstanden, und eine glückliche und schöne Kindheit zu schenken. Die Sorge meiner Eltern war, dass wir im Glauben aufwuchsen, es wurde gebetet, Andacht gehalten – ich besinne mich, dass wir als Familie beim Vaterunser oft gekniet haben.“ So wächst sie auf, umgeben in einem Setting von dörflicher Gemächlichkeit, biblischen Geschichten, Erzählungen aus der Hermannsburger Mission in Afrika und anderes.  Sie ist elf Jahre alt, als der Vater stirbt. Vielleicht spürt sie schon damals, dass ihr Leben nicht nur ein gerader Weg ohne Hindernisse sein würde. 

2. Der Ruf in die Ferne 

Nach der Schulausbildung und einem Jahr in Schweden und Handelsschule arbeitet sie schließlich im Missionshaus in Bleckmar, als Sekretärin bei Missionsdirektor F.W. Hopf. Dort begegnet sie einem jungen Mann, Georg Schulz. Der sagte mal, er hätte gleich gewusst: „die wird meine Frau“! Ein Leben in Afrika erscheint Elisabeth damals als „ganz unmöglich, ich hing sehr an Zuhause“ – und doch kam es so. Sie verloben sich im Dezember 1954, anderthalb Jahre später (1957) reist sie mit dem Schiff nach Südafrika aus, wehmütig zurückblickend. Sie heiratet am 1. Oktober 1957 in der Gemeinde Wittenberg bei Piet Retief, umgeben von lauter Menschen, die sie erst im Laufe der Zeit kennen- und schätzen lernt.  

Wir staunen: Was für ein Mut, was für ein Vertrauen! Sie verlässt die gewohnte, die vertraute Welt, die geliebte Mutter bleibt in Hermannsburg zurück. Elisabeth folgt dem Ruf in den Dienst der Mission und darf erleben, wie sich die Worte, die schon Josua gehört ha, auch in ihrem Leben bewahrheiten: „Sei getrost und unverzagt. Ich bin mit dir.“ 

3. Afrika: Licht und Schatten 

Afrika – Dunkel, lockende Welt – faszinierend und fremd, lebendig. Zuerst ist alles neu: Menschen, Sprachen, Gerüche. Sie lernt allmählich Zulu zu sprechen und erlebt, wie ihr das auf den Missionsstationen Salem und dann über Jahrzehnte in Enhlanhleni / Umsinga einen „unmittelbaren Kontakt zu den Bewohnern dort“ möglich macht. Im Laufe der Jahrzehnte bildet sich eine besondere Beziehung zu „Thandiwe“ – einer Haushaltshilfe – heraus, einer Frau, mit der sie täglich eine Andacht nach dem Frühstück las.  So erlebt sie, was es heißt, zu dienen und zugleich zu lernen. Sie erzählt humorvoll von Erlebnissen im Lebenslauf, was die Tierhaltung, das Kochen und die Kinder angeht und erwähnt zahllose, besondere Begegnungen. Aber das Leben in Afrika ist nie ein leichtes. Die Ferne bleibt und wird immer wieder spürbar. Die Briefe nach Hermannsburg und von Hermannsburg nach Südafrika sind Brücken über ein Meer aus Sehnsucht. Sie können ein wertvoller Familienschatz für die Nachfahren sein. 

Fünf Kinder kommen in Afrika zur Welt – Geschenk und Verantwortung zugleich. Martin, Ulrike, Detlev, Eckhart und Angelika. Als sie älter werden, müssen sie zur Schule – weit entfernt, in ein so genanntes „Schülerheim“ Die Schulzeiten bedeuten Wochenlange Stille, kurze, intensive Wochenenden des Wiedersehens. Wie schwer es ist, die Liebe zur Familie und Gehorsam im Dienst miteinander zu versöhnen – sie wusste es. Sie hält durch – stark, treu, liebevoll. So vergeht die Zeit, die Kinder werden erwachsen. Die „Winds of Change“ wehen weiter über Südafrika hinweg und schließlich auch in der Bleckmarer Mission und so kehrt sie mit ihrem Mann und Tochter Angelika 1994 nach Deutschland zurück. Ein Kreis schließt sich. 2004 stirbt ihr Mann. Sie beschließt ihren eigenen, handgeschriebenen Lebenslauf mit den Worten: „Ich danke Gott, dass er mich trotz meiner Schwachheit und Sünde in seinen Dienst genommen hat und ich an der Seite meines Mannes ein ausgefülltes Leben führen durfte.“  

4. Theologisches  

Wenn wir hören, wie Gott zu Josua spricht, dann spüren wir: Das sind Worte, die über Jahrtausende hinweg Menschen begleitet haben – überall dort, wo sie sich auf Neues einlassen mussten, wo sie sich schwach fühlten, wo sie Verantwortung trugen.  

Josua stand am Jordan und sollte das Volk Israel über den Fluss nach Jericho und in das ‚Gelobte Land‘ führen. Er fragte sich, wie er das alles schaffen sollte – nun ganz ohne Mose. Er hörte diese Worte als Anspruch und Zuspruch, Verheißung und Erfüllung: „Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt!“ 

Dieses Wort ist beides zugleich – Anspruch und Zuspruch. „Sei getrost und unverzagt!“ – eine Aufforderung, ein Ruf, ein Auftrag. Es fordert Mut – und schenkt ihn. Es ruft zum Vertrauen – und trägt selbst dazu bei. „Ich will dich nicht verlassen!“ – das ist kein Appell, sondern Zusage. 

Der Grund für den Mut, den Ruf Gottes zu hören und ihm zu entsprechen, liegt nicht in Josuas, Elisabeths, deiner oder meiner Stärke, sondern in Gottes Treue zu uns. Wie in der ganzen Bibel geht es um ein bestimmtes Zusammenspiel: Gott nimmt uns ernst in unserer Verantwortung, aber er trägt uns, wo wir sie nicht erfüllen können. Was hier als Verheißung beginnt, findet seine Erfüllung in Christus, der sagt: „Ich bin bei euch alle Tage.“ 

Elisabeth wusste, dass Glauben beides ist – ein Weg im Gehorsam, der Mut verlangt und uns allerlei abverlangt, und sich in Gottes Treue einzukuscheln, wie in eine warme Wolldecke. Wer sich von Gottes Wort tragen lässt, wird gehalten. 

Die Absicht Gottes, dieses „Ich bin mit Dir!“ als Zuspruch – Jesus Christus bürgt dafür – meint dich und mich, jeden von uns, so persönlich, wie Vater und Mutter ihr Kind meinen, wollen und lieben. Nicht nur die Familie als 

Ganzes, sondern jedes einzelne Kind – besonders, aber mit ganzer Liebe.  

5. Verlusterfahrung durch den bitteren Tod 

Doch in uns gibt es auch etwas, das nicht ganz auf Gott und seine Liebe zu uns setzen will. Der Tod erinnert uns daran. Er bleibt eine Zumutung – gerade, wenn er uns Menschen nimmt, die uns nahe sind. Wir spüren dieses in der Bitterkeit des endgültigen Abschieds. Da ist entsteht eine Leere, die kein Wort füllen kann, eine Sehnsucht, die keine angemessene Antwort findet. Der Tod ist kein natürlicher Teil des Lebens – er bleibt schmerzhaft, fremd, widersprüchlich. Es gilt, was der Apostel Paulus schreibt: „Weint mit den Weinenden.“ (Röm 12,15). Heute tun wir genau das: Wir teilen Schmerz und Erinnerung. 

Wo wir dabei an Grenzen stoßen, zeigt sich Gottes Treue – unaufdringlich, aber verlässlich. Mitten in solcher Bitterkeit, flackert etwas auf: Gewissheit, dass Gott selbst dem Tod nicht das letzte Wort lässt. In der Begegnung mit dem Tod und Sterben wird das durch Jesus verwandelt. Gott selbst weint mit den Weinenden, über Lazarus und den Jüngling zu Nain und die Tochter des Jairus. Jesus – wahrer Gott und wahrer Mensch – kennt unsere Tränen – und er wird sie eines Tages endgültig abwischen. 

6. In Gottes Händen geborgen 

Elisabeth Schulz führte ein Leben zwischen Welten. Zwischen Licht und Schatten, Nähe und Ferne, Dienst und Sehnsucht. Aber durch all das zieht sich ein roter Faden: Gottes Treue. Jetzt ist sie heimgekehrt – nicht mehr nur nach Hermannsburg, nicht mehr nach Afrika, sondern in Gottes neues Land, das kein Abschied mehr kennt. Amen.